Kurzfassung



Bei ME/CFS wird die sogenannte „Blutwäsche“ (Plasmapherese oder Immunadsorption) derzeit

nicht als gesicherte Therapie empfohlen. Es existieren kleine Studien mit Hinweisen auf mögliche Effekte bei ausgewählten Subgruppen, jedoch keine ausreichenden Wirksamkeitsnachweise Die Verfahren sind experimentell, mit hohen Kostenverbunden und werden nicht von Krankenkassen übernommen.

https://www.dgn.org/artikel/phase-ii-studie-zeigte-keinen-nutzen-der-plasmapherese-bei-post-covid

Therapeutische Plasmapherese, Immunadsorption und IVIG bei ME/CFS

Stand der wissenschaftlichen Evidenz und Kosten-Nutzen-Bewertung

Hintergrund

Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS) ist eine schwere, chronische multisystemische Erkrankung, die häufig postinfektiös auftritt, unter anderem nach SARS-CoV-2-Infektion. In Subgruppen von Patient:innen wurden immunologische Auffälligkeiten beschrieben, insbesondere funktionelle Autoantikörper gegen β-adrenerge sowie muskarinische Rezeptoren. Auf dieser Grundlage wurde die Hypothese entwickelt, dass eine gezielte Entfernung solcher Antikörper durch therapeutische Plasmapherese oder Immunadsorption zu einer klinischen Verbesserung führen könnte. Intravenöse Immunglobuline (IVIG) werden als mögliche immunmodulierende Ergänzung oder Alternative diskutiert.



Studienlage

Therapeutische Plasmapherese

Für die therapeutische Plasmapherese liegen inzwischen Daten aus einer randomisierten, doppelblinden, Sham-kontrollierten Phase-II-Studie bei Post-COVID-Patient:innen vor. Diese Studie zeigte keinen klinischen Nutzen der Plasmapherese hinsichtlich relevanter klinischer Endpunkte. Aufgrund des kontrollierten Designs besitzt diese Untersuchung eine höhere methodische Aussagekraft als offene oder nicht-kontrollierte Studien und spricht gegen einen routinemäßigen Einsatz der Plasmapherese bei Post-COVID-assoziierten Krankheitsbildern¹.



Immunadsorption

Im Gegensatz zur Plasmapherese basiert die Evidenz zur Immunadsorption bislang überwiegend auf prospektiven Kohorten- und Pre-Post-Studien. In einer prospektiven Kohortenstudie an Post-COVID-ME/CFS-Patient:innen mit erhöhten β2-adrenergen Rezeptorautoantikörpern wurde eine wiederholte Immunadsorption durchgeführt. Dabei zeigte sich bei einem Teil der Patient:innen eine Reduktion der Autoantikörper sowie eine subjektive klinische Besserung ausgewählter Symptome. Aufgrund des fehlenden Kontrollarms, der kleinen Stichprobe und der kurzen Nachbeobachtungszeit ist eine kausale Wirksamkeitszuordnung jedoch nicht möglich².



Kombination Plasmapherese und IVIG

Eine Pilotstudie untersuchte die Kombination aus therapeutischer Plasmapherese und anschließender IVIG-Gabe bei ME/CFS-Patient:innen mit erhöhten β-adrenergen und M3-muskarinischen Rezeptorautoantikörpern. Die Autor:innen berichteten über Verbesserungen der gesundheitsbezogenen Lebensqualität. Die Aussagekraft dieser Ergebnisse ist aufgrund des offenen Studiendesigns, der geringen Fallzahl und der fehlenden Kontrollgruppe stark limitiert³.



Intravenöse Immunglobuline (IVIG)

IVIG sind bei verschiedenen klar definierten neuroimmunologischen Erkrankungen etabliert. Für ME/CFS und Post-COVID-ME/CFS liegen jedoch keine randomisierten kontrollierten Studien mit ausreichender Fallzahl vor. Übersichtsarbeiten betonen ausdrücklich, dass positive Effekte von IVIG oder Plasmapherese in der Akutphase schwerer COVID-19-Erkrankungen nicht auf chronische postinfektiöse Krankheitsbilder wie ME/CFS übertragbar sind. Die Evidenz für einen therapeutischen Nutzen von IVIG bei ME/CFS ist daher als unzureichend zu bewerten⁴.



Bewertung der Evidenz

Die vorliegenden Studien zeichnen sich überwiegend durch kleine Stichproben, fehlende Randomisierung, fehlende Placebo- oder Sham-Kontrollen sowie primär subjektive Endpunkte aus. Die bisher einzige sham-kontrollierte randomisierte Studie zur Plasmapherese zeigte keinen Nutzen. Insgesamt ist die Evidenzstärke für Plasmapherese, Immunadsorption und IVIG bei ME/CFS als niedrig bis sehr niedrig einzustufen.



Sicherheit und Risiken

Plasmapherese und Immunadsorption sind invasive Verfahren mit potenziellen Risiken, darunter Kreislaufinstabilität, Elektrolyt- und Volumenverschiebungen, Komplikationen des Gefäßzugangs sowie Infektionsrisiken. IVIG-Therapien sind mit bekannten immunologischen Nebenwirkungen verbunden und erfordern eine strenge Indikationsstellung.



Kosten-Nutzen-Analyse

Die Kosten für therapeutische Plasmapherese liegen typischerweise bei etwa 3.000–5.000 € pro Sitzung, für Immunadsorption bei etwa 4.000–6.000 € pro Sitzung. Übliche Behandlungsserien umfassen mehrere Sitzungen, sodass Gesamtkosten häufig im fünfstelligen Eurobereich liegen. IVIG verursachen – abhängig von Dosierung und Körpergewicht – ebenfalls Kosten von mehreren tausend Euro pro Behandlungszyklus. In Österreich besteht für diese Verfahren bei ME/CFS keine Kostenübernahme durch gesetzliche Krankenkassen.

Dem hohen finanziellen und organisatorischen Aufwand steht ein bislang nicht gesicherter klinischer Nutzen gegenüber. Weder eine nachhaltige Verbesserung des Krankheitsverlaufs noch valide Prädiktoren für ein Therapieansprechen konnten bisher belegt werden. Unter Berücksichtigung der negativen Ergebnisse aus sham-kontrollierten Studien zur Plasmapherese ergibt sich derzeit kein günstiges Kosten-Nutzen-Verhältnis.



Schlussfolgerung

Therapeutische Plasmapherese, Immunadsorption und IVIG stellen bei ME/CFS derzeit experimentelle Therapieansätze dar. Während einzelne offene Studien Hinweise auf mögliche Effekte bei eng definierten Subgruppen liefern, fehlt ein belastbarer Wirksamkeitsnachweis. Insbesondere die fehlende Wirksamkeit der Plasmapherese in sham-kontrollierten Studien spricht gegen einen routinemäßigen Einsatz. Bis zum Vorliegen hochwertiger randomisierter Studien ist ein Einsatz außerhalb klinischer Studien medizinisch und gesundheitsökonomisch nicht gerechtfertigt.



Fußnoten / Literatur

  1. Deutsche Gesellschaft für Neurologie. Phase-II-Studie zeigte keinen Nutzen der Plasmapherese bei Post-COVID. 2025.

  2. Stein E, Heindrich C, Wittke K, et al. Efficacy of repeated immunoadsorption in patients with post-COVID ME/CFS and elevated β2-adrenergic receptor autoantibodies. Lancet Reg Health Eur. 2024;49:101161. PMID: 39759581.

  3. Oesch-Régeni B, Germann N, Hafer G, et al. Therapeutic plasmapheresis and IVIG in ME/CFS patients with elevated β-adrenergic and M3-muscarinic receptor antibodies: a pilot study. J Clin Med. 2025;14(11):3802. PMID: 40507564.

  4. Morse BA, Motovilov K, Brode WM, et al. Intravenous immunoglobulin in neuroimmune conditions, acute COVID-19 and post-acute sequelae. Brain Behav Immun. 2025;123:725-738. PMID: 39389388.